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Feingefühl für alte Menschen bekommen

Das Jugendrotkreuz des DRK-Kreisverbandes Schmalkalden unterstützt ein Projekt von vier Gymnasiasten, die mit einem Alterssimulationsanzug Erfahrungen für ihre Seminarfacharbeit sammeln

Foto: Annett Recknagel / Die gesamte Crew: v.l. Olf-Rüdiger Schmidt vom DRK, Jonathan Perlt, Lukas Reißig, Oliver Nattermann, Christopher Zickler, Betreuungslehrerin Karin Möller, Silvio Bachmann von der Fachhochschule und Stefanie Schiffner, Vorsitzende des DRK-Ortsverbandes Schmalkalden.

Foto: Annett Recknagel / Oliver Nattermann bekommt den Alterssimulationsanzug angepasst und fühlt sich danach gleich etliche Kilogramm schwerer. Christopher Zickler legt ihm die Handschuhe an.

Foto: Annett Recknagel / Treppensteigen mit dem Anzug – das hat es in sich!

Schmalkalden. Altersbedingt fällt Senioren das Laufen oft schwer. Der ein oder andere quält sich mit Hüft- oder Knieproblemen, die die Beweglichkeit enorm einschränken. Um trotzdem noch aktiv am Leben teilhaben zu können, gibt es bereits etliche Hilfsmittel. Und es wird künftig sogar noch besser: Die Fakultät Elektrotechnik der Schmalkalder Fachhochschule forscht demnächst noch intensiver. Ab Herbst gibt es dort mit „Health Tech“ einen neuen Studiengang, der sich mit der Erhöhung der Lebensqualität im Alter befasst und innovative Geräte für ältere Menschen zur besseren Bewältigung des Alltags entwickeln will. Die Elftklässler Oliver Nattermann, Jonathan Perlt, Lukas Reißig und Christopher Zickler waren davon fasziniert. Das Quartett absolvierte im vorigen Sommer an der Fachhochschule ihr akademisches Praktikum und freundete sich mit der Materie an. Mit Professor Silvio Bachmann, Dekan der Fakultät Elektrotechnik, fanden sie einen kompetenten Ansprechpartner, der die vier jungen Männer für die Thematik begeistern konnte. So entschieden sie sich, ihre Seminarfacharbeit zum Thema „Einsatz innovativer Technik zur Erhöhung der Lebensqualität im Alter“ zu schreiben. Derzeit sammeln sie eifrig Material und erkunden, wie alte Menschen im Alltag zurecht kommen. Um sich direkt in deren körperliche Verfassung hineinversetzen zu können, bedienten sie sich eines sogenannten Alterssimulationsanzuges. Den bekamen sie vom DRK-Kreisverband Schmalkalden geliehen. Der 30 Kilogramm schwere Koffer wurde dort über „Die Buntstifter“, einer Organisation, in der Jugendrotkreuz, Deutsche Gehörlosenjugend und die Türkische Gemeinschaft Deutschland mitwirken, angefordert. Sechs Wochen lang können die vier Gymnasiasten damit agieren. „Bevor man eine höhere Lebensqualität alter Menschen innovativ schaffen kann, muss man schon wissen, wie man sich als Senior fühlt“, meinte Silvio Bachmann und fügte hinzu: „Wir wollen keine Angst vor dem Alter verbreiten, vielmehr helfen, mögliche Behinderungen mit technischen Hilfsmitteln einzuschränken und Assistenzsysteme entwickeln, die den Alltag im Alter erleichtern.“ Oliver Nattermann probierte den Alterssimulationsanzug beim DRK-Kreisverband in dieser Woche an und aus. „Es ist alles sehr schwer“, beschrieb er seine ersten Eindrücke. Allein die anzulegende Körperweste wiegt zehn Kilogramm. Mit Bein- und Armgewichten kommen weitere sechs Kilogramm dazu. Kniebandagen stellen deutliche Mobilitätseinschränkungen dar. Auch die Motorik lässt mit den Jahren nach – simuliert wird das durch Handschuhe. Dazu eine Brille, die auf Einschränkungen im Sehfeld hinweist. Beim Treppensteigen hatte Oliver Nattermann sichtlich Mühe. „Man kann das Knie nicht beugen, dazu der Stock und die Brille“, meint er. „Man kommt ganz schön ins Schwitzen.“ Auch Christopher Zickler sammelte bereits Erfahrungen mit dem Anzug. Seine Tests bezogen sich auf die Mobilität. „Um aus einem Auto auszusteigen, muss man sich aufstützen“, erklärte er. „Es wird insgesamt alles viel schwerer“, meinte auch Jonathan Perlt. Seine Aufgabe war es, den Anzug im häuslichen Umfeld zu testen – zum Beispiel beim Suppe kochen. „Allein an die Teller im oberen Schrankbereich heran zukommen, war ziemlich schwierig“, sagte er. Ebenso angestrengt habe Staubsaugen und Kaffeekochen. Lukas Reißig hat seine Aufgaben im Anzug noch vor sich. Er will damit im Supermarkt Erfahrungen sammeln und aufschreiben. „Ziel ist es, Technik zu entdecken und zu entwickeln, die hilft, die Funktionsfähigkeit vergangener Jahre wieder herzustellen“, meint Silvio Bachmann. Freilich müsse man dabei abchecken, was es auf dem Markt bereits gibt und was noch gebraucht werde. Rollatoren zum Beispiel seien im Laufe der Jahre auch schon handlicher und „intelligenter“ geworden. Mit dem neuen Studiengang reagiert die Schmalkalder Fachhochschule auf die zunehmende Überalterung der Gesellschaft. Junge Leute für diese Thematik zu begeistern sei zeitgemäß. „Sie können sich so auch viel besser in alte Menschen hineinversetzen und ein Feingefühl für deren Leben bekommen“, sagte Karin Möller, die den vier Jungs als Beratungslehrerin zur Seite steht und die Thematik für sehr sinnvoll erachtet. Die Tests im Alterssimulationsanzug dauern noch an. Abgabe für die Seminarfacharbeit ist im Herbst. Die vier Gymnasiasten sind diesbezüglich recht zuversichtlich. Und wer weiß, vielleicht entwickeln sie gemeinsam mit Silvio Bachmann ein technisches Gerät, das vielen alten Menschen hilft. Die Zusammenarbeit von Fachhochschule und Philipp-Melanchthon-Gymnasium wird seit Jahren groß geschrieben. Mit dem DRK Kreisverband kam jetzt ein dritter Partner ins Boot, so dass die Arbeit am Ende sach- und fachübergreifend ist. (ar)

 Autor & Fotos: Annett Recknagel

11. April 2016 17:43 Uhr. Alter: 4 Jahre